Smartphone-Sucht

Ich mache Schluss mit dir. Ich halte das nicht mehr aus. Du hast es auf die Spitze getrieben und mich zu diesem Schritt gezwungen. Allein heute morgen: erstmal musstest du deine drei Anrufe in Abwesenheit, fünf SMS, 35 WhatsApp-Nachrichten und 16 neuen Tinder-Matches im Bett abarbeiten. Nur, um dann panikartig unter der Dusche zu verschwinden und mich zu verfluchen, wie Edmund Stoiber seinen Problembären. Hör zu: Ich bin nicht verantwortlich für dein Prokrastinationsproblem. Ich bin nur dein Smartphone.

Kaum bist du aus dem Haus, wirfst du mich in deine Handtasche, wo ich zwischen Taschentüchern, Kaugummis, Stiften, Tampons, Kleingeld und Schlüsseln um Luft kämpfe. Merkst du nicht, wie ich leide? Wie ich daran kaputt gehe?

Dabei gehörst du mir und nicht ich dir. Immerhin schaust du mich häufiger an als „Schatzi“. Ohne mich würdest du dich vermutlich nicht mal mehr an seinen Geburtstag erinnern. Apropos: Der ist nächste Woche! Dauernd greifst du nach mir, drückst mich an deine Wange und bekommst Angst, wenn ich mal nicht in deiner Nähe bin. Du bist ein klassischer Fall von emotionaler Abhängigkeit.

„Was machst du gerade?“

Wenn du dann mal mit deinen Freundinnen telefonierst und dich in einem Tonfall, der zwischen Miley Cyrus und Carmen Geiss schwankt, über dein ach so hartes Leben beschwerst, würde ich mich am liebsten sofort abschalten. Aber das mit der politischen Bildung nimmst du echt ernst: Spiegel-Online, süddeutsche.de, Bild-Online. Immer wieder wechselst du von der einen App zur anderen und hoffst, etwas Neues zu finden. Was suchst du da überhaupt? Du liest doch sowieso nichts zu Ende und einen Beweis, dass dein Leben doch nicht so langweilig ist, wirst du dort nicht finden. Komplett liest du höchstens die Panorama-Artikel, wenn du die Geschichten nicht schon längst aus dem Promi-Flash kennst. Du hältst den größten Wissensspeicher der Menschheit in der Hand und alles, wofür du dich interessierst, sind die Namen von Brangelinas Kindern.

Das Allerschlimmste sind die Banalitäten deines Lebens, die du jedem mitteilen musst. Facebook, Twitter, Instagram und Tumblr. Dein Leben besteht nur noch aus Fotofiltern, sortierten Nachrichten-Feeds und einer grottigen Kommentarkultur. Und wenn dich Facebook mal wieder fragt: „Was machst du gerade?“, dann muss die Antwort lauten: „Nichts“ und auf gar keinen Fall: „Just chillin‘ with ma friends! #yolo“. Übrigens interessiert sich auch niemand für dein Foto vom letzten Kochabend, das vermutlich direkt nach deinem Like für Brot für die Welt in den Feeds deiner „Freunde“ erscheint.

Traumjob: Merkelphone

Manchmal wünschte ich, in den Händen eines Managers oder Politikers zu landen. Irgendjemand mit Ein uss. Mit Macht. Beziehungen, die wirklich von Bedeutung sind. Ich habe gehört, Merkel hat ein neues Handy. Und auch wenn ich nicht verschlüsselt telefonieren kann und ihr Kanzleramtschef mich nicht einmal in ihre Nähe lassen würde, hätten sie und ich doch so viel gemeinsam: Wir beide wollen Macht und schwarz bin ich doch auch! Na gut, eher grau, aber so genau nimmt Merkel es ja auch nicht. Ich könnte in ihren Kostümen durch die Welt fliegen, den widerspenstigen Alexis Tsipras anrufen und ihm die Hölle heiß machen oder Telefonjoker von Wolfgang Bosbach ignorieren. Oder mich im Bundestag von ihr betatschen lassen, während sie der Opposition nicht zuhört. Nachrichten würden nicht eine der 20 Milliarden WhatsApp-Texte sein, die täglich um die Welt geschickt werden, sondern von der NSA abgehört werden. Mit Priorität, wie aufregend! Sie würden sich nicht um die letzte Nacht, den letzten Typen oder die Uni drehen. Wichtig würden sie sein. Von wichtigen Menschen. Und nicht von dir.

Erschienen: Akrützel #342

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