Unterwerfung

Das waren noch Zeiten, als die Fronten zwischen den großen Verlagen und dem Internet geklärt waren: Auf der einen Seite die rechtschaffenen Verlage, die nur ein wenig Gegenleistung für ihre großartigen aufklärerischen Artikel wollten und auf der anderen Seite das böse Internet mit dieser widerwärtigen „Kostenloskultur“.

Heute hat Facebook „Instant Articles“ vorgestellt und mehrere Verlage haben sich scheinbar gedacht, Facebook eine Freundschaftseinladung zu schicken und bei dem Projekt mitzumachen. Instant Articles erlaubt es, kurz gesagt, den Verlagen ihre Artikel komplett auf Facebook zu veröffentlichen. Leser müssen nicht mehr den Link klicken und werden dann auf die Website weitergeleitet, sondern können in der App den gesamten Artikel lesen. Damit wird Facebook so etwas wie ein eigener kleiner Kosmos. Die Seite verlassen und einfach mal auf andere Websites gehen? Viel zu sehr 2014.

Die Vorteile für Facebook sind damit klar: Der Inhalt bleibt bei ihnen, die (Werbe-)Kunden auch. Dadurch können natürlich auch noch mehr Daten über die Nutzer gesammelt und die Werbung noch besser gestreut werden.

Die Vorteile für die Verlage sind auf den ersten Blick auch klar: Die Hürde überhaupt zu klicken fällt weg. Ob Artikel deswegen ab sofort mehr gelesen werden, bleibt vermutlich aber erst mal ein Geheimnis. Zusätzlich hat Facebook die Verlage mit einem Angebot gelockt, dass sie nicht ablehnen können: Massive Reichweite und einen Großteil der Werbeeinnahmen. Vermarkten die Verlage ihre Inhalte selbst, dürfen sie die Einnahmen sogar vollständig behalten, ansonsten streicht Facebook 30% ein.

In Deutschland sind von Anfang an Spiegel Online und Bild.de dabei, also die beiden reichweitenstärksten Nachrichtenseiten in Deutschland. SpOn sieht Instant Articles als Test,  um „einiges darüber zu lernen, wie sich unsere Inhalte in sozialen Netzwerken am besten darstellen und verbreiten lassen.“ Selbstverständlich würde die Integrität nicht angegriffen und sie würden „unabhängig und kritisch bleiben, betont SpOn. Zumindest für Artikel-Bilder über Femen kann das aber jetzt schon bezweifelt werden, weil Brüste zu sehen sind!

Und auch wenn das Femen-Beispiel ein Einzelfall sein mag und konstruiert wirkt, ist genau hier der Knackpunkt an Instant-Articles. Die Verlage unterwerfen sich den Regeln des Netzwerkes. Es ist unwahrscheinlich, dass für die Seiten der Medien auf einmal andere Regeln gelten sollen. Emily Bell, Professorin an der Columbia School of Journalism, hat in auf sueddeutsche.de klar gemacht: Die Verlage müssen mit den großen Firmen aus Amerika zusammenarbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren, sich gleichzeitig aber auch immer der Konsequenzen bewusst sein.

Instant Articles ist aber auch auf der Ebene der Nutzer kritisch zu sehen. Wenn immer mehr Inhalte vollständig auf Facebook konsumiert werden, bleibt man auch immer mehr und länger auf Facebook. In seiner eigenen kleinen Filter-Blase. Wozu nach draußen gehen, wenn die blauen Balken vor der Welt da draußen beschützen. Dadurch unterwirft sich der Nutzer mindestens genauso den Regeln von Facebook wie die Medienhäuser.

Trollt sie hart!

Meine Replik auf Martin Gieslers „Zurücktrollen ist keine Option

 In den letzten Wochen hat sich in den großen Medienanbietern der Trend entwickelt, Trolle nicht mehr einfach hinzunehmen oder gegebenenfalls zu löschen, sondern sie im Gegenteil zu kontern. Mittel der Wahl ist dabei die Ironie: Der Post wird nicht nur lächerlich gemacht, sondern auf höchst ironische Art und Weise ernst genommen, wie Spiegel Online hier in einem Tweet von August 2014 zeigt.

 Ob es jetzt der „besorgte Bürger“ von XXgida oder der freundliche Aluhutträger von nebenan ist: Das Feindbild Lügenpresse haben sie gemeinsam und tragen das Bild begeistert in die Kommentarspalten der Online-Auftritte, Facebookprofile oder Twittertimelines. Die Texte sind eher inhaltsarm und reichen kaum über Beleidigungen und Ressentiments gegen Migranten oder Verschwörungstheorien (Das Hochkapital!!!!) hinaus.

Bildschirmfoto 2015-01-19 um 12.15.08 Welt Online hat jetzt anscheinend einen neuen Social-Media-Manager, denn seit einiger Zeit wird dort auf den Kreuzzug nicht nur mit „Bitte sachlich bleiben.“ reagiert. Der Schlagabtausch ist super lustig anzusehen und wird durch eine Menge Likes und ermutigende Kommentare belohnt.

 Und hier setzt Martin Giesler ein: Seiner Meinung nach ist dieser Umgang falsch und die Redaktionen sollten lieber den Dialog suchen.

Social Media sollte dafür genutzt werden, um mit den Lesern/Zuschauern wirklich ins Gespräch zu kommen.

 Das ist an sich natürlich vollkommen richtig, denn irgendwie sind die sozialen Netzwerke ja auch dafür gedacht. Martin lässt aber einen Punkt weg, ob er ihn vergisst oder bewusst vernachlässigt, kann ich nicht sagen: Die meisten Poster solcher Kommentare sind an einem Dialog oder Gespräch überhaupt nicht interessiert. Warum auch? Ihr Urteil steht fest: Die Lügenpresse hat natürlich unrecht, ist fremdgesteuert und sowieso total blöd. Man kann mit diesen Menschen nicht mehr reden. Ihr Weltbild hat sich so verfestigt, dass eine Meinungsänderung durch Fakten fast nicht möglich ist.

 Die beanstandeten Artikel sind auch selten faktisch falsch oder strittig, dass der Verfasser mitdiskutieren müsste. Sie entsprechen einfach nicht der Meinung der Trolle, die das lautstark mitteilen wollen.

Grundsätzlich hat Martin natürlich Recht, wenn er sagt:

Social Media sollte also 2015 endlich nicht mehr nur als Werbe-Kanal für das eigene Produkt verstanden werden.

Das hat aber nichts damit zu tun, dass man Trolle nicht zurück trollen dürfe, sondern im Gegenteil: Man muss es tun. Erstens findet das halbwegs interessierte Leserschaft auf jeden Fall lustig und zweitens schärft die Redaktion damit ihr Profil.

Was aber nicht heißen darf, jede Kritik einfach sarkastisch zu ignorieren. Denn auch hier hat Martin Recht: Gutes Social-Media-Management ist aufwendig und teuer. Und wenn es nötig ist, muss man mit dem Leser ins Gespräch kommen und auch Fehler eingestehen. Ob das jetzt der Autor eines Textes selbst tut oder ein Social-Media-Manager in Absprache spielt dabei eine untergeordnete Rolle.