Kann ich das nochmal sehen?

Es gibt eine Sache, die ich in meiner Zeit beim Akrützel schnell hassen gelernt habe, weil sie in vielen Fällen Probleme bereitet hat: Das Autorisieren von Zitaten. Diese im deutschen Raum verbreitete Praxis verkompliziert viele Vorgänge beim Akrützel enorm und hat bereits zu einer juristischen Auseinandersetzung mit einem Stura-Mitglied geführt.
Was denken die Leute, was ich mit ihren Zitaten mache? Dabei sind diejenigen noch die erträglichsten, die einfach nur noch mal ihre Zitate sehen wollen. Das verstehe ich bis zu einem gewissen Grad auch und erfülle den Wunsch in fast jedem Fall. Aber wenn dann jemand Sätze vollständig verändert und dann auch noch verlangt, dass der Artikel so gedruckt wird, fühle ich mich ziemlich hintergangen. Faktische Fehler natürlich ausgenommen. Wozu führe ich überhaupt das Interview, wenn ich am Ende gar Nichts davon verwenden darf?

Menschen, die keinerlei Erfahrung beim Umgang mit Journalisten haben, kann ich die Angst falsch wiedergegeben zu werden, sogar nachfühlen. „Profis“, wie Politiker oder Pressesprecher, hingegen sind ein ganz anderer Fall. Ihnen muss klar sein, worauf sie sich einlassen und was sie sagen können, wenn das Tonband läuft. Die „Profis“ sind auch die, die hinterher am meisten verändern wollen und manchmal nicht nur den Kontext des Zitats fordern, sondern teilweise auch den gesamten Artikel. Das ist nicht nur eine lächerliche Forderung, sondern würde dem Medium und mir als Journalist jegliche professionelle Integrität nehmen.

Gesetzlich ist die Autorisation über das Recht am eigenen Wort geregelt. Dadurch könnte man rein theoretisch der Veröffentlichung widersprechen. Daraus ist dann die Praxis entstanden, Zitate vor dem Veröffentlichen freigeben lassen, um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, aber auch um Fehler zu korrigieren, die erst später bemerkt werden. Das wissen die „Profis“ natürlich und verstehen es die Autorisation für sich auszunutzen.
Was unerfahrene Menschen dazu treibt ihre Zitate oder sogar den Artikel vor Erscheinen lesen zu wollen kann ich nur vermuten: Ich sehe die Boulevard-Medien da nicht ganz unschuldig. Wo BILD, RTL und Co. Sensationsjournalismus betreiben, Persönlichkeitsrechte mit Füßen treten und Menschen der Lächerlichkeit preisgeben, kann nur Misstrauen und Angst gegenüber Journalisten wachsen.
Anfangs dachte ich, mit dem Problem haben wir hauptsächlich als studentische Zeitung zu kämpfen. Aber auch von taz (Hier ein bekannteres Beispiel), mittelhessen.de und Spiegel werden Zitate und ganze Artikel gefordert. So geschehen in einem Interview mit Renate Künast von den Grünen oder Kathrin Nachbaur, die sogar als  österreichische Kanzlerkandidatin im Gespräch war. Sie geht sogar noch weiter und lässt Journalisten eine Erklärung unterschreiben, nach der „der gesamte Interviewtext zur Einsicht und schriftlichen Bestätigung“ an sie gesendet wird. Das gilt auch für Titel und Einleitungstext.

Dabei sprechen Urteile eigentlich für den Journalisten. Gerichte bestätigen die Unabhängigkeit der Medien und nachträglich ist es gar nicht so leicht eine Autorisation zu verlangen. Ist für alle Beteiligten klar, dass es sich um ein Interview für eine Veröffentlichung handelt und die Aufnahme des Ganzen bekannt ist, kann der Interviewte nach dem Interview nicht einfach auf eine Autorisation bestehen. Ganz anders siehts aus, wenn vor dem Interview eine Abmachung getroffen worden ist. Und natürlich steht es jedem frei ein Interview abzulehnen, wenn ich einer Autorisation nicht zustimme.
Ganz anders ist es in den USA, wo eine Autorisation, wie in fast allen angelsächsischen Ländern nicht üblich ist. Dort wird man eher schräg angeschaut, wenn man vorschlägt: „Ich schicke dir die Zitate dann noch.“ Ulrike Langer hat in einem Digitalen Quartett das Thema mal angesprochen. Und obwohl hier bei dem Thema immer aufgeschrien wird, dass dann definitiv und auf jeden Fall nie wieder irgendjemand mit Journalisten reden würde, funktioniert das Pressesystem in den Staaten noch ganz ordentlich. Auch die veröffentlichen Zitate zeigen einen freien und entspannten Umgang mit Interviewern, bei dem genug zitierfähiges Material entsteht und der vergleichbar mit den Verhältnissen in Deutschland ist.
Ulrike Langer beschreibt eine Medienlandschaft, der zwar mit großem Misstrauen begegnet wird, in der aber „genauso viele Interviews gegeben werden“. Allerdings würden Interviews in Amerika selten als Frage-Antwort veröffentlicht, sondern eher im Text als Zitate. Sie berichtet aber auch von Versuchen der Obama-Regierung eine Praxis ähnlich wie in Deutschland einzuführen. Das hat zu Protesten in der Medienlandschaft geführt und wurde öffentlich diskutiert. (Hier und hier) Die Vorteile sieht sie in den umgeschönten Antworten und der schnelleren Veröffentlichung.

Eine Lösung des Problems ist nicht leicht zu finden, weil beide Seiten eine starke Erwartungshaltung an den jeweils Anderen haben. Journalisten sind natürlich an möglichst plakativen Aussagen interessiert und veröffentlichen diese dann auch, aber  der Interviewte muss stets wissen, auf was er sich eingelassen hat: Seine Worte können veröffentlicht werden und er muss gegebenenfalls auch dafür gerade stehen. Deswegen möchte er abgesichert sein. Entweder durch die Autorisation oder wenig aussagekräftige Antworten.

Weiterführende Links:

taz-Artikel: „Unter eins, zwei oder drei“
Medium.magazin: „Zwei Fragen“
Generelle Empfehlung zum Thema: Interviews führen – der Blog

Blogs zum Hören

Vermutlich bin ich 1000 Jahre zu spät und habe den Hype verpasst, aber ich habe ein neues Hobby. Podcasts! In diesem Fall nicht selber machen, sondern hauptsächlich hören. Angefangen hat das Ganze mit Folge 30 von Alternativlos, die ich vor einiger Zeit mal empfohlen bekommen habe, damals noch als Direkt-Download ohne Feed. Darin ging es um SIGINT, Kryptographie und die Crypto Wars. Nerd-Themen, gegenseitiges Getrolle und zynische Kommentare reichen ja eigentlich schon, um mich zu begeistern. Was mich aber dann restlos überzeugt hat, sind die ziemlich symphatischen „Moderatoren“, die auf der einen Seite sehr professionell arbeiten, auf der anderen Seite aber auf herrliche Art und Weise Unwissen mit Wikipedia und Google überdecken. So entstehen Diskussionen und Unterhaltungen, die mein Freundeskreis theoretisch genauso führt. Schnell bei Wikipedia nachgeschlagen und schon ist man Experte.

Was mich grundsätzlich bei Podcasts fasziniert, gilt genauso für Blogs. Die Befreiung von institutionellen Medien (die natürlich nicht uneingeschränkt gilt, aber dazu später mehr) und der Entwicklung von alternativen Verbreitungskanälen. Jeder wird irgendwie zum Sender und konsumiert wird das, was einen interessiert und womit man sich identifizieren kann. Der Unterschied zu einem einfachen Blog bei WordPress, blogger oder tumblr ist aber ein ganz entscheidender: Die Einstiegshürde ist vergleichsweise hoch, in der Produktion, aber auch im Konsum. Man benötigt nicht nur den Computer um einigermaßen professionell zu wirken, sondern wenigstens ein Mikrofon und ein Schneideprogramm. Das macht Podcasts anspruchsvoller in der Produktion. Im Konsum benötigt man einfach Zeit. Die Alternativlosfolgen sind im Durchschnitt 2,5 Stunden lang und die Zeit muss man erstmal aufbringen, während man einen Blogpost auch einfach überfliegen kann. Ich höre Podcasts meist beim Fahrradfahren oder in der Bahn. Da habe ich sowieso nichts besseres zu tun, als meinen Handyakku zu überfordern.

Neben den (halb-)privaten Podcasts gibt es auch fast jede Radioshow der öffentlich-rechtlichen als download- oder abonierbaren Podcast. Hier fällt der individuelle Teil natürlich weg, aber die Qualität der Reportagen entschädigt dafür. Das ARD radiofeature und Hintergrund vom Deutschlandfunk sind gut recherchiert und haben durchweg interessante Themen.

Zusammengefasst: Im Moment höre ich mehr Podcasts als Musik und hab auch noch Spaß dabei.