Trollt sie hart!

Meine Replik auf Martin Gieslers „Zurücktrollen ist keine Option

 In den letzten Wochen hat sich in den großen Medienanbietern der Trend entwickelt, Trolle nicht mehr einfach hinzunehmen oder gegebenenfalls zu löschen, sondern sie im Gegenteil zu kontern. Mittel der Wahl ist dabei die Ironie: Der Post wird nicht nur lächerlich gemacht, sondern auf höchst ironische Art und Weise ernst genommen, wie Spiegel Online hier in einem Tweet von August 2014 zeigt.

 Ob es jetzt der „besorgte Bürger“ von XXgida oder der freundliche Aluhutträger von nebenan ist: Das Feindbild Lügenpresse haben sie gemeinsam und tragen das Bild begeistert in die Kommentarspalten der Online-Auftritte, Facebookprofile oder Twittertimelines. Die Texte sind eher inhaltsarm und reichen kaum über Beleidigungen und Ressentiments gegen Migranten oder Verschwörungstheorien (Das Hochkapital!!!!) hinaus.

Bildschirmfoto 2015-01-19 um 12.15.08 Welt Online hat jetzt anscheinend einen neuen Social-Media-Manager, denn seit einiger Zeit wird dort auf den Kreuzzug nicht nur mit „Bitte sachlich bleiben.“ reagiert. Der Schlagabtausch ist super lustig anzusehen und wird durch eine Menge Likes und ermutigende Kommentare belohnt.

 Und hier setzt Martin Giesler ein: Seiner Meinung nach ist dieser Umgang falsch und die Redaktionen sollten lieber den Dialog suchen.

Social Media sollte dafür genutzt werden, um mit den Lesern/Zuschauern wirklich ins Gespräch zu kommen.

 Das ist an sich natürlich vollkommen richtig, denn irgendwie sind die sozialen Netzwerke ja auch dafür gedacht. Martin lässt aber einen Punkt weg, ob er ihn vergisst oder bewusst vernachlässigt, kann ich nicht sagen: Die meisten Poster solcher Kommentare sind an einem Dialog oder Gespräch überhaupt nicht interessiert. Warum auch? Ihr Urteil steht fest: Die Lügenpresse hat natürlich unrecht, ist fremdgesteuert und sowieso total blöd. Man kann mit diesen Menschen nicht mehr reden. Ihr Weltbild hat sich so verfestigt, dass eine Meinungsänderung durch Fakten fast nicht möglich ist.

 Die beanstandeten Artikel sind auch selten faktisch falsch oder strittig, dass der Verfasser mitdiskutieren müsste. Sie entsprechen einfach nicht der Meinung der Trolle, die das lautstark mitteilen wollen.

Grundsätzlich hat Martin natürlich Recht, wenn er sagt:

Social Media sollte also 2015 endlich nicht mehr nur als Werbe-Kanal für das eigene Produkt verstanden werden.

Das hat aber nichts damit zu tun, dass man Trolle nicht zurück trollen dürfe, sondern im Gegenteil: Man muss es tun. Erstens findet das halbwegs interessierte Leserschaft auf jeden Fall lustig und zweitens schärft die Redaktion damit ihr Profil.

Was aber nicht heißen darf, jede Kritik einfach sarkastisch zu ignorieren. Denn auch hier hat Martin Recht: Gutes Social-Media-Management ist aufwendig und teuer. Und wenn es nötig ist, muss man mit dem Leser ins Gespräch kommen und auch Fehler eingestehen. Ob das jetzt der Autor eines Textes selbst tut oder ein Social-Media-Manager in Absprache spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Am Anfang war re:publica

Wenn an einem Ort mehr MacBooks stehen, als ich zählen kann, die Smartphonedichte unmessbar wird, auf Namensschildern der Twitteraccount steht und Quadrocopter durch die Hallen fliegen, dann ist re:publica!
Hier trifft sich das deutsche Internet. Die einzige Konferenz in Europa auf der „sich das gesamte Spektrum der Digitalen Gesellschaft trifft!“ Manche nennen es einfach die Blogger-Konferenz, aber eigentlich ist es noch ein wenig mehr. Auch Start-Ups und Firmen mit digitalem Schwerpunkt sind hier vertreten. Auf Vorträgen, Workshops und Diskussionen wird alles rund um das Leben im und mit dem Internet behandelt. Und ich bin dabei. Da ich mir aber kein Ticket für 150 € leisten kann, habe ich einmal für knapp 6 Stunden Leuten auf die Handgelenke geschaut und sie nach dem Eintrittsbändchen gefragt. Dadurch konnte ich mir meinen Eintritt verdienen und außerdem jede Menge Menschen beobachten. Menschen, die sich vermutlich noch mehr als ich mit dem Internet beschäftigen. Und ich liebe es.

Eingangshalle

Eingangshalle

Was mir als erstes aufgefallen ist, dass erstaunlich viele Menschen da waren, denen man die digitale Verrücktheit auf den ersten Blick nicht ansieht und schon etwas älter sind. Natürlich auch eine Menge „digital natives“, aber halt nicht nur. Überall sieht man Menschen, die sich unterhalten und wenn man mit einem Ohr zuhört, gehen die meisten Gespräche um Kundenakquisition, neue Technik, die schlechte Zahlungsmoral der Kunden oder um das nächste geplante Projekt. Networking ist das Zauberwort, das immer wieder fällt. Und ich mittendrin. Zuerst ein wenig überwältigt, habe ich mir schnell einen kleinen Überblick verschafft und bin heute Mittag zu meinem ersten Workshop gegangen.
Thema: Sketchnotes. Sketchnotes sind eine Hilfe um Vorträge, Videos oder Gedanken mit Strichbildern oder Piktogrammen zu visualisieren und leicht verständlich zu machen. Ich dachte mir, da könnte ich natürlich was für den Rest der re:publica mitnehmen. Zum Anfang sind uns ein paar Beispiele gezeigt worden, welche Möglichkeiten es gibt Effekte, wie Schatten oder „Geschwindigkeitslinien“ zu verwenden, welche Ordnungen sinnvoll sind und wie man Text einbinden kann. Hier mal ein Beispiel, wie das bei mir aussieht:

Tareks Sketchnotes

An mir ist wirklich kein Künstler verloren gegangen und ehrlich gesagt bin ich etwa skeptisch, wie mir das bei einem Vortrag helfen soll. Aber es wurde uns auch gesagt: Übung macht den Meister und am Ende wird alles gut. Übrigens gehörte ich mit Stift und Papier einer Minderheit an. Die meisten haben ihre Tablets benutzt!

Ein sehr interessantes Zwischenspiel war dann die Geschichte des Computers, erzählt von dem Sohn des Z4-Erfinders Konrad Zuse. Schöne Präsentation und auch lustig erzählt. Anscheinend mochte Konrad Zuse, der aus Blech den ersten Computer der Welt zusammengebaut hat, die späteren PC’s nicht besonders, sie ihn aber auch nicht.

Schließlich hab dann noch ein Vortrag über Mass-Customization von der Zufallsshirt Gründerin Kathrin Passig, über den ich hier jetzt aber nichts weiter schreiben werde, aber deren Idee ich unglaublich lustig finde.

Insgesamt war mein erster Tag re:publica fantastisch. Zwar konnte ich noch nicht so viele Sessions mitnehmen, was aber auch nur halb so schlimm war. Morgen gehts weiter und ich freue mich unglaublich Thomas Knüwer, Ulrike Langer und Daniel Fiene vom digitalen Quartett live auf der Bühne zu sehen, nachdem ich sie alle heute bereits in die Hallen lassen durfte. Auf ein fröhliches MacBook zählen und Steckdosen belagern.

 

PS: Dieser Beitrag ist ein wenig anders, als meine bisherigen Beiträge. Das ist zum einen der Sache geschuldet und zum anderen möchte ich hier einfach meine Erfahrung auf der re:publica niederschreiben.