„Jeder lügt ein bisschen“

Am Universitätsklinikum lügen Ärzte, damit ihre Patienten schneller Hilfe bekommen. Sind sie damit zu weit gegangen?

Die Enthüllung findet 2012 statt. Ärzte machten ohnehin schon kranke Menschen auf dem Papier noch kränker, um sie auf der Warteliste Spenderorgane nach oben zu schieben. Die Süddeutsche Zeitung nannte es den größten Organspende-Skandal der bundesrepublikanischen Geschichte. In Göttingen, München, Regensburg und Leipzig müssen sich Ärzte und Krankenhausmanager für die Manipulationen verantworten.

Dass dabei auch die Krankenhäuser an den teuren Transplantationen mitverdienten und sogar Organe außer Landes geschafft wurden, führte zu heftigen Diskussionen. Ärzte waren auf einmal die Bösen.

Drei Jahre später kommt der Skandal in Jena an. Das Universitätsklinikum muss ebenfalls Manipulationen im Zusammenhang mit Organtransplantationen eingestehen. Die Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK), die nach den Veröffentlichungen eingerichtet worden war, stellte nach einer Kontrolle Auffälligkeiten in den Angaben der Medikationen fest.

In der Stellungnahme des Krankenhauses heißt es dazu: „Nach Auffassung der Kommission gab es für diese Veränderungen keine medizinische Begründung“ und „die Prüfungskommission kommt dabei zum Schluss, dass diese Verstöße systematisch erfolgten.“ In mehr als der Hälfte aller Herztrans- plantationen und einem Drittel al- ler Lungentransplantationen im UKJ wurden solche Abweichungen festgestellt. Der damalige Leiter des Herztransplantationsprogramms musste gehen und die Klinik gelobte Besserung. Gleichzeitig betonte das Krankenhaus, dass dieser Fall ganz anders zu betrachten sei: Die Ärzte hätten stets nur das Wohl des Patienten im Sinn gehabt. Bereicherungen seien ausgeschlossen.

Das Wohl des Patienten im Sinn

Dürfen Ärzte zum Wohl ihrer Patienten lügen? Für Professor Nikolaus Knoepfler, Dozent für Medizinethik, ist das menschlich verständlich: „Ärzte sehen sich durch den Mangel an Spenderorganen und die langen Wartezeiten geradezu genötigt, alle Mittel einzusetzen, um ihrem Patienten zu helfen.“ Die Transplantationsmedizin ist keine Massenabfertigung. Es herrscht ein viel engeres Verhältnis zwischen Patient und Arzt.

Knapp 2.500 Mal werden in Deutschland jährlich Lungen, Herzen, Nieren und Lebern entnommen und eingepflanzt. Und trotzdem stirbt alle acht Stunden ein Mensch, weil es kein passendes Spenderorgan gibt. Für die Ärzte ist das belastend. Sie wollen ihren Patienten, mit denen sie häufig viel Zeit verbringen, helfen und können es nicht. Manipulation ist dann für sie der logische Ausweg: Wenn mein Patient auf dem Papier kränker ist, dann bekommt er schneller ein Spenderorgan.

Für Knoepfler ist das zu kurz gedacht. Er sieht gleich zwei Probleme in den Manipulationen und zieht einen Vergleich zum Doping: „Wenn jeder lügt, dann stehen am Ende alle auf der gleichen Stufe und niemand gewinnt etwas.“

Viel gravierender ist für ihn aber der Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Bereits nach dem ersten Skandal 2012 sank die Spenderbereitschaft rapide. Die Menschen hatten schlichtweg Angst, dass Organe an den Höchstbietenden verkauft werden oder Ärzte Patienten vorschnell für tot erklären, um die wertvollen Organe zu entnehmen.

Für Clara, Medizinstudentin im fünften Semester, hat das Problem aber auch mit Gerechtigkeit zu tun. Junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch mit dem gespendeten Organ verbringen könnten, werden genauso behandelt wie Intensivpatienten, die unter Umständen bald sterben könnten. „Ob das gerecht ist, weiß ich nicht, aber eine Regel muss man finden“, sagt sie. Im Studium würden solche Fragen zu wenig behandelt, findet Clara:

„Wir haben zwar eine Vorlesung über Ethik in der Medizin, aber ich finde das zu wenig.“

Knoepfler schränkt aber ein: „Viele Studenten sind einfach mit anderen Dingen beschäftigt und wollen erstmal Arzt sein.“ Ethische Fragen rücken im Studium in den Hintergrund. Eine einfache Lösung für die Manipulationsanfälligkeiten des Systems kennt Knoepfler auch drei Jahre nach den ersten Enthüllungen nicht. „Wichtig sind vor allem Transparenz und Durch- setzbarkeit der Regeln“, sagt er und schlägt gleichzeitig schwerere Strafen für Betrug vor. Noch sind Manipulationen nur Ordnungswidrigkeiten. Der Arzt müsse die Folgen seines Handelns stets im Hinterkopf haben. Und wenn er zum Wohl des Patienten lüge, dann falle das irgendwann auch auf seine anderen Patienten zurück.

Erschienen: Akrützel #351